Achtsamkeit hat eine über 2500 Jahre alte Tradition im Buddhismus und die sogenannte „rechte“ Achtsamkeit hat stets das ethische Ziel, Leiden zu überwinden. Ein weiterer wesentliche Aspekt der achtsamen Haltung ist das bewusste Mitgefühl und Selbstmitgefühl. Mit Mitgefühl ist die Fähigkeit gemeint, Schmerzen und Leid bei sich und anderen wahrzunehmen sowie die Bereitschaft, Verantwortung und Fürsorge zu übernehmen. Damit werden Eigenschaften wie Mut und Großzügigkeit assoziiert.
Jon Kabat-Zinn gilt als der Vorreiter im Bereich der Achtsamkeit in der westlichen Welt. Als Meditationslehrer und Gründer der Stress Reduction Clinic in Massachusetts, gelang es ihm, eine erlernbare Praxis der Achtsamkeit durch das MBSR-Konzept (englisch = Mindfulness based stress reduction), ein klar strukturiertes Programm zur Stressbewältigung, seit 1979 auch in die westlich orientierte medizinische und psychologische Welt zu verbreiten. Für Kabat-Zinn war die Achtsamkeit für alle Menschen erlernbar und losgelöst von religiösen und spirituellen Aspekten möglich. MBSR wurde von Anfang an durch Studien wissenschaftlich erforscht. Bereits die erste veröffentlichte Studie im Jahr 1982 belegte die Effizienz des Programms bei Patient*innen mit chronischen Schmerzen. Inzwischen gibt es weltweit eine hohe Anzahl von Studien, welche die Effizienz der Achtsamkeitsübungen wissenschaftlich belegen, so dass die Einsatzmöglichkeiten in pädagogische, therapeutische und medizinische Bereiche ständig wachsen.
Neurowissenschaftliche Studien bestätigen anhand von MRT-Screenings positive Auswirkungen einer Achtsamkeitspraxis insbesondere im Bereich der Aufmerksamkeitsregulation, der Selbstwahrnehmung und in der Verbesserung der Emotionsregulation. Der Effekt einer reduzierten Ausschüttung von Stresshormonen und eine Erhöhung von Dopamin und Melatonin durch Achtsamkeitstraining ist ebenfalls belegt. Stresssymptomen können dadurch vermindert und das Wohlbefinden gesteigert werden.
Ganz praktisch werden die sieben Grundhaltungen der Achtsamkeit durch formelle Meditationsübungen oder informelle Übungen im Alltag eingeübt: die Haltung des Nicht-Urteilens, die Haltung der Geduld, das Bewahren eines Anfängergeistes, Vertrauen, eine Haltung des Nicht-Erzwingens, eine Haltung der Akzeptanz und des Loslassens.
Achtsamkeit führt uns zurück ins Hier und Jetzt, sie erlaubt und vertieft die vorurteilsfreie Wahrnehmungsfähigkeiten und die Präsenz im Moment. Durch regelmäßiges Praktizieren von Achtsamkeit vergrößern wir den Raum zwischen einem Reiz und unserer Reaktion, so dass wir unseren automatisierten Modus eines „Autopiloten“ verlassen können und mehr Freiheit im Denken, Fühlen und Handeln entstehen kann. Dies ist insbesondere in therapeutischen Prozessen sehr wertvoll. Gelassenheit, innere Ruhe, eine verbesserte Wahrnehmung eigener innerer Prozesse und eine verbesserte Körperwahrnehmung verringern körperliche und psychische Symptome und verbessern den Umgang damit. Letztendlich wird die Lebenszufriedenheit verbessert.
Zurück